28. November 2017 Theresa Ruttloff *

Für eine neue Normalarbeitszeit!

In der heutigen Gesellschaft ist Zeit zur knappsten und wertvollsten Ressource geworden. Die IG-Metall diskutiert aktuell das Modell einer "kurzen Vollzeit". So sollen Beschäftigte den tariflich gesicherten Anspruch erhalten, ihre Arbeitszeit individuell auf bis zu 28 Stunden absenken zu können. Dies klingt zunächst einmal nach einer tollen Sache, die Forderung ist jedoch nicht weitreichend. Die Absenkung soll nur für einen Zeitraum von zwei Jahren gelten. Das Vollzeit-Arbeitsverhältnis bleibt währenddessen bestehen damit man darauf zurückkehren kann. Dies bedeutet jedoch keineswegs eine Zahlung des vollen Entgeltes während dieser zwei Jahre. Der Lohnausgleich wird nur gefordert für bestimmte Gruppen, wie Schichtarbeiter, Pflegende oder Kinderbetreuungspflichtige. Das Modell ist somit keine Forderung nach einer neuen Normalarbeitszeit zwischen 28 und 35 Stunden für alle. Und auch die Forderung, dass Arbeitnehmer mehr Freizeit wählen können aber dafür auf eine Gehaltserhöhung verzichten, ist Quatsch. Denn so bezahlen die Arbeitnehmer nur selbst ihre Arbeitszeitverkürzung.

 

Ein weiteres Problem ist, dass die Stellenanteile, die bei solchen Modellen wegfallen, nicht neubesetzt werden. Dies hat eine Intensivierung der Arbeit zur Folge und heißt damit mehr Arbeit, mehr Druck und mehr Stress.

Die Möglichkeit in Teilzeit zu gehen ist ebenso nicht ausreichend, da solche Beschäftigungsverhältnisse meist nicht existenzsichernd sind. Wir brauchen eine kurze Vollzeit für alle und das bei vollem Personal- und Lohnausgleich!
Viele Branchen haben bislang jedoch noch nicht einmal die 35-Stunden-Woche eingeführt. Stattdessen sind für die Beschäftigten 40 Stunden plus zahlreiche Überstunden die Normalität. Zudem gibt es 28 Jahre nach der Widervereinigung nicht nur weiterhin Unterschiede bei der Höhe der Löhne zwischen Ost und West, sondern auch solche in den Arbeitszeitregelungen. So sieht der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) für Beschäftigte im Tarifgebiet Ost eine regelmäßige Arbeitszeit von wöchentlich 40 Stunden, für Beschäftigte im Tarifgebiet West dagegen nur eine solche von 38,5 Stunden vor. Das bedeutet, dass Beschäftigte im Osten Deutschlands im Jahr 78 Stunden, also rund 2 Wochen länger im Jahr für das gleiche Geld arbeiten müssen, als ihre westdeutschen Kollegen. So etwas ist nicht hinnehmbar!

Durch eine kürzere Wochenarbeitszeit für alle könnte die Arbeitslosigkeit gesenkt werden. Somit wäre Vollbeschäftigung möglich. Auch im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung und den damit verbundenen Überfluss an Stellen, welche künftig nicht mehr gebraucht werden, lässt die Forderung einer Arbeitszeitverkürzung notwendig erscheinen. Wenn die von der Digitalisierung betroffenen Menschen nicht in die Arbeitslosigkeit geschickt werden sollen, dann muss die verbleibende Arbeit umverteilt werden.

Weiterhin ist die Gesundheit ein wichtiger Grund. Eine Überlastung vieler Arbeitnehmer ist leider oftmals die Regel als die Ausnahme. In den letzen Jahren haben psychische Erkrankungen in Folge von Überarbeitung beträchtlich zugenommen. Eine Arbeitszeitverkürzung würde somit nicht nur zu einer Erleichterung für den Einzelnen führen, sonder auch zu einer erheblichen Entlastung des Gesundheitssystems.

Die Produktivität ist im Zeitraum von 1960 bis 2000 um hundert Prozent gestiegen. Das bedeutet, während die durchschnittliche Arbeitszeit in den 60er Jahren noch bei 48 Stunden wöchentlich lag, wäre es im Jahr 2000 möglich gewesen, nur noch 24 Stunden pro Woche zu arbeiten. Es ist somit möglich. Doch die gegenwärtigen Machtverhältnisse lassen dies nicht zu. Denn eine kürzere Arbeitszeit für alle würde bedeuten, dass diese von den Gewinnen und Profite der Unternehmen bezahlt werden müsste und diese damit geschmälert werden. Die Arbeitgeber fordern stattdessen eine höhere Flexibilisierung. Diese geht jedoch nur zu Lasten der Beschäftigten. Eine Arbeitszeitverkürzung für alle will die herrschende Klasse natürlich nicht und stellt eine kürzere Arbeitszeit als abstrakte, nicht umsetzbare Utopie dar. Doch davon dürfen wir uns nicht beirren lassen. Wir als Linke sind in der Pflicht die Missstände nach außen zu tragen und das Erfordernis nach einer deutlichen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich zu unterstützen und dafür zu kämpfen. Denn dies ist kein Randthema, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft. Neben den Gewerkschaften sollte daher unsere Partei das Sprachrohr für die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung und damit dem Gewinn von Lebenszeit sein!

 

* Die Autorin ist seit Oktober 2017  Mitglied im Kreisvorstand der LINKEN im Erzgebirge und Stellv. Kreisvorsitzende

 

Kategorien: Themen

Kommentare

Stefan Schrutek 28.11.2017, 22:57 Uhr
Gravatar: Stefan Schrutek

Eine zutreffende und fundierte Analyse, die die Realitäten widerspiegelt und vor allem für die Linke zum Handlungsprogramm werden muss, hier im Erzgebirge, in Sachsen und in der Bundesrepublik! Die Gewerkschaften sind hier besonders aufgefordert, aber auch für die Linke in zukünftigen Wahlkämpfen! Danke für diesen Beitrag.

Ergebnisse 1 bis 1 von insgesamt 1

Hinterlassen Sie einen Kommentar